| Die industrielle
Produktion eines rahmengenähten Schuhs geht selbstverständlich schneller als die
handwerkliche - das steht außer Zweifel. Dank des Einsatzes von zeitgemäßen Maschinen
lassen sich einige Arbeitsschritte, für die der Schuhmacher viel Zeit und auch Kraft
braucht, rascher, aber genauso gründlich ausführen. Nichtsdestotrotz benötigt man für
die industrielle Fertigung hochwertiger rahmengenähter Schuhe genauso viele
Arbeitsschritte und die gleiche Sorgfalt wie ein Maßschuhmacher. Nur so kann sich das
Produkt später auch wirklich sehen lassen und ist mit allen typischen Merkmalen edlen
Schuhwerks ausgestattet.
Die Schaftteile:
Schneiden oder Stanzen?
In einer Schuhfabrik beginnt
die Fertigung des Schuhs mit der Schaftherstellung. Aus wertvollen Ledern werden die
Schaft- bzw. Futterteile ausgestanzt oder ausgeschnitten. Dies richtet sich im
wesentlichen nach der Anzahl der Schuhe eines Typs, die hergestellt werden soll. Für
geringe Stückzahlen werden die einzelnen Schaftteile mit einer Schablone auf das Leder
aufgezeichnet und mit einem scharfen Messer ausgeschnitten (1). Wird ein Modell über
einen längeren Zeitraum in größeren Stückzahlen hergestellt, lohnt sich die
Anfertigung von Stanzmessern, die auf das Leder aufgelegt werden müssen (2). Stanzmesser
sind in der Regel für einen Schuhhersteller eine teure Anschaffung, denn jedes Schaftteil
muß in allen Größen einer Serie gekauft werden. Wichtig ist in jedem Fall beim
Schaftteilezuschnitt, möglichst sparsam mit dem Leder umzugehen. Der wertvolle Rohstoff
ist zu kostbar zum Vergeuden. Oberstes Gebot ist es also, möglichst viele Schaftteile aus
einer Haut herauszuschneiden. Auf mögliche Fehler in der Haut muß dabei zusätzlich
Rücksicht genommen werden.
Wie kommt das Lochmuster
in den Schaft?
Aus den ausgeschnittenen oder
gestanzten Lederstücken werden in der Schaftstepperei der Schuhfabrik Oberleder und
Futter in mühevoller Kleinarbeit zusammengenäht. Zunächst muß jedes Schaftteil einzeln
bearbeitet werden. Die Kanten der Lederstücke werden maschinell mit Hilfe eines Messers
(sog. Glockenmesser) ausgeschärft und gegebenenfalls mit ihrem typischen Lochmuster
perforiert (z.B. für einen Full Brogue). Dabei werden zunächst Stück für Stück die
Löcher am Rand des Schaftteils ausgestanzt; dann wird die Rosette mit einem speziellen
Stanzmesser eingearbeitet (3). Hierzu bedarf es eines hohen Maßes an
Fingerspitzengefühl, denn jedes kleine Loch muß perfekt sitzen - ein Fehler, und das
Lederstück kann unter Umständen nicht mehr verwendet werden.
Dann kann nach und nach zusammengenäht
werden. Kleine Zacken am Zwickeneinschlag, also am Rand einzelner Schaftteile geben
Auskunft über die Schuhgröße und weisen darauf hin, daß an dieser Stelle später ein
anderes Schaftteil angebracht wird. Sie erleichtern so das Zusammenführen der
verschiedenen Bestandteile des Schaftes.
Schaft und Futter werden
gesteppt
Die einzelnen Teile für Futter
und Oberleder werden miteinander verklebt, damit sie während des Nähens nicht verschoben
werden (4).
Dann kommen die Nähmaschinen zum Einsatz.
Viele fleißige Hände vernähen Stück für Stück die Einzelteile von Futter und
Oberleder mit höchster Präzision miteinander.
Sorgen für Stabilität:
Die Kappen
Bevor es an den ,,Bodenbau" des
Schuhs geht, den Arbeitsbereich also, bei dem Schaft und Sohle miteinander verbunden
werden, müssen noch Vorder- und Hinterkappe sowie seitliche Überstemme eingefügt
werden. Dank der Erfindung von Klebstoff, der durch Hitze aktiviert wird, und mit Hilfe
von speziellen Pressen ist es relativ einfach, die Kappen zwischen Oberleder und Futter
einzubringen.
Die Kappen bestehen aus Leder oder einem
speziellen Gewebe, das den Klebstoff gut aufnimmt und, einmal in Form gebracht, sehr
stabil ist. Sie werden, anders als beim Maßschuhmacher, in der Regel nicht extra
zugeschnitten, sondern nach Größen sortiert angeliefert und gelagert. Zunächst werden
die seitlichen Überstemme und die Vorderkappe mit Klebstoff bestrichen, von innen auf den
Schaft gelegt und festgepreßt. Dann wird das Futter umgeschlagen und alle Komponenten
nochmals durch Pressen fest miteinander verbunden (5). Allerletzte Instanz bei der
Schaftbearbeitung ist dann das Einfügen der Hinterkappe. Eine spezielle Presse sorgt
dafür, daß die zwischen Oberleder und Futter eingelegte Kappe in ihre endgültige, dem
Fuß angepaßte Form gebracht wird und ihm somit die nötige Stabilität verleiht.
Das Nonplusultra:
Die Brandsohle
Nun beginnt die Montage, der
sogenannte "Bodenbau". Die fertigen Schäfte werden serienweise zur Montage
gebracht. Dort warten schon die passenden Brandsohlen. Sie werden entweder vor Ort aus
Lederhäuten ausgestanzt oder fertig angeliefert und aufbewahrt. Ein entscheidender
Unterschied zwischen der Handarbeit eines Maßschuhmachers und der industriellen
Herstellung rahmengenähter Schuhe liegt in der Brandsohle. Sie wird oder ist bereits auf
der dem Fuß abgewandten Seite mit einem sogenannten Gemband versehen, einer festen, unter
Aussparung des Absatzesrings um die Brandsohle verlaufenden Kante.
Es muß also keine Rißlippe in die
Brandsohle eingearbeitet werden (das sogenannte Rangieren) -eine erhebliche Erleichterung
und Zeitersparnis. Darüber hinaus ist der Einsatz des Gembandes auch mit einer
Reduzierung der Produktionskosten verbunden, denn die so vorbereitete Brandsohle ist in
der Regel dünner als die, die ein Handwerker
bearbeitet.
Das Zwicken
Die Brandsohle wird mittig auf dem Leisten
fixiert, dann wird der Schaft übergeholt und gezwickt.
Das mühevolle Zwicken mit der Zwickzange,
wie es beim Maßschuhmacher vorgenommen wird, entfällt bei der industriellen
Schuhfertigung. Statt dessen wird der Schaft maschinell stramm über den Leisten geholt
und in Form gepreßt (6). Anschließend werden Schaft und Futter Stück für Stück mit
kleinen Metallklämmerchen am Gemband festgezwickt. Insgesamt dauert dieser Prozess in
einer Schuhfabrikation wenige Minuten. Wer aber denkt, die Qualität leide unter diesem
,,Schnellverfahren" erheblich, kann beruhigt werden: Auch bei der Bedienung der
Maschinen muß äußerst präzise gearbeitet werden. Nur wenn der Schaft richtig stramm
und faltenfrei sitzt, und das kontrolliert der Mitarbeiter penibel, kann er auch richtig
übergeholt werden.
Rahmennähen mit der
Einstechmaschine
Nun kommt der entscheidende Arbeitsgang:
Das Rahmennähen. Die Goodyear Einstechmaschine kommt zum Einsatz, jenes phänomenale
Gerät, das Charles Goodyear 1869 entwickelte und das für die Produktion rahmengenähter
Schuhe eine wirkliche Revolution in Gang setzte. Der Rahmen, in der industriellen
Schuhproduktion wird er als praktisch endloses Band in verschiedenen Farben auf Rollen
angeliefert, wird auf die entsprechende Länge für einen Schuh zugeschnitten. Dann werden
Schaft, Brandsohle und Rahmen mit der Einstechmaschine im Kettenstich vernäht. Auch hier
bedarf es nur weniger Sekunden, bis der Rahmen ringsum den Schuh umgibt. Begonnen wird
dabei auf der Außenseite des Schuhs. Dann wird der Rahmen um die Schuhspitze
herumgeführt und außen bis zum Beginn der Ferse festgenäht (7).
Es sieht fast kinderleicht aus aber auch
hier gilt: Absolute Perfektion ist unerläßlich. Gerade weil die einzelnen Stiche in
Bruchteilen von Sekunden ausgeführt werden, kommt es auf das Gefühl und Augenmaß des
Mitarbeiters an. Anschließend wird der meist einige Zentimeter zu lange Rahmen
zurechtgeschnitten, so daß er genau den Schuh umgibt und nicht übersteht. Im
Fersenbereich wird der Rahmen dann mit kleinen Nägeln auf der Brandsohle befestigt. Der
Schuh ist praktisch fertig - es fehlt allerdings noch die Sohle.
Unsichtbarer Luxus:
Die Korkausballung
Typisch für einen guten
rahmengenähten Schuh ist die Korkausballung, die einerseits einen federnden Effekt hat
und so den Gehkomfort erhöht. Andererseits ermöglicht sie es dem Fuß, sich sein
Fußbett selbst zu formen. Zum Ausballen wird in einigen Schuhfabriken eine klebrige Masse
aus Korkschrot in den Hohlraum unter der Brandsohle gespatelt. Andernorts werden weiche
und flexible Teilsohlen aus Kork verarbeitet. Der Effekt ist in beiden Fällen derselbe.
Die Korkteilsohle entspricht Form und Größe des Schuhs und wird sortiert gelagert. In
jeden Schuh wird im Vorderfußbereich eine Korkschicht eingeklebt bzw. die Korkschrotmasse
eingefüllt. Im Mittelfußbereich wird eine Feder aus Stahl oder Holz (z.B. Buchenholz)
eingesetzt, die dem Schuh später die nötige Stabilität verleiht. Wird eine
Korkteilsohle verwendet, dann muß der verbleibende Hohlraum zwischen Ferse und Vorderfuß
anschließend mit einer klebrigen Korkmasse gleichmäßig aufgefüllt werden, damit der
ganze Fuß später gut gefedert wird und außerdem eine glatte Fläche entsteht, auf der
die Sohle angebracht werden kann (8).
Danach müssen die Schuhe erst einmal
trocknen und werden für einige Zeit völlig in Ruhe gelassen.
Das Doppeln
Nun wird die Sohle, die in der
Regel in der Schuhfabrik selbst aus kräftigem, idealerweise altgrubengegerbtem Leder
ausgestanzt wird, mit Klebstoff versehen und unter Hitzeeinwirkung unter den Schuh
gepreßt. Mit der Doppelmaschine auch bei dieser Erfindung war der geniale Charles
Goodyear am Werk - wird die Sohle anschließend festgenäht. Dabei ist diese Maschine sehr
praktisch ausgestattet: Sie zieht einen Kanal in das angefeuchtete Sohlenleder und näht
gleichzeitig mit feinen Stichen die Sohle tief in diesem Kanal von unten an den Rahmen
(9). Dadurch, daß die Naht verborgen in der Sohle liegt, ist sie beim Tragen des Schuhs
besser gegen Abnutzung geschützt. Der besondere Trick bei dieser Sache kommt im nächsten
Schritt: Mit einer perforierten Walze, die sich in hoher Geschwindigkeit dreht, wird der
Kanal in der Sohle wieder fest verschlossen, so daß er anschließend fast nicht mehr
erkennbar ist.
Nachdem die Sohle getrocknet ist1 wird der
Absatz befestigt. Im Idealfall besteht der Absatz aus einer Anzahl von Lederflecken, die
Schicht für Schicht an die Schuhsohle genagelt werden. Der letzte Absatzfleck ist außen
mit einer Gummischicht versehen, was einer raschen Abnutzung entgegenwirkt.
Ausputz und Finish
Nun kommen die letzten
Arbeitsschritte, bei denen der Schuh in erster Linie ,,verschönert" wird. Zunächst
werden Sohlenrand (Schnitt) und Absatzkante außen sorgfältig glatt geschliffen (der
sogenannte Ausputz). Letzte Unebenheiten werden dabei ausgeglichen und das Leder leicht
aufgerauht, damit es die fixierende Farbe im nächsten Schritt gut aufnimmt. Diese
flüssige Substanz dient zum einen dazu, das helle Leder der Sohle farblich an das
Obermaterial anzupassen. Darüber hinaus versiegelt die Farbe das Leder der Sohle, macht
es fester in der Konsistenz und zudem wasserabweisend.
Der Schuh wird, wenn die Farbe getrocknet
ist, ausgeleistet. Beim abschließenden Finish wird zum letzten Mal ,,Hand angelegt".
Der Schuh wird geschnürt und seine Verarbeitung genauestens geprüft.
Mit Schwämmchen und Pflegelotion wird
dann das Oberleder auf Hochglanz gebracht (10). In den Schuh wird eine Ledereinlage - in
der Regel mit Firmenemblem - eingeklebt, damit die kleinen Stifte, mit denen der Absatz
befestigt wurde, nicht sicht- und spürbar sind.
Nun kann jedes Paar verpackt und
ausgeliefert werden. Der Schuh ist fertig, ein edles Modell, im Idealfall aus den besten
Materialien, sorgfältig verarbeitet und mit allen Qualitäten ausgestattet, die seinem
späteren Besitzer lange Freude machen werden. |
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| Anhand von
Schablonen werden die Schaftteile...
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| Für
größere Stückzahlen lohnen sich Stanzmesser, die auf das Leder augelegt werden. Die
Schaftteile werden also maschinell gestanzt
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| Die Rosette
muß genau in der Mitte der Schuhspitze sitzen
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| Die
einzelnen Schaftteile werden vor dem Nähen verklebt
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| Seitliche
Überstemme und Vorderklappe werden von innen an das Oberleder geklebt
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| Der Schaft
wird maschinell stramm gezogen ...
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| Das
Rahmennähen - mit der Goodyear-Einstechmaschine fast mühelos
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| Die
Korkschrotmasse wird eingelegt bzw. mit einem Spachtel aufgetragen
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| ... rundum
festgenäht
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| Mit
Schwämmchen und Pflegelotion wird der Schuh auf Hochglanz poliert.
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